• Tierakupunktur

Neben einigen kurzgefassten Angaben über einen kleinen Ausschnitt aus der Akupunktur bei unseren Tieren, vornehmlich des Rindes, soll noch ein kurzer Einblick in die Praxis eines Landtierarztes aus bereits länger zurückliegender Zeit gegeben werden.

Veterinärmedizinische Akupunktur in Österreich

Entwicklung der veterinärmedizinischen Akupunktur in Österreich und Forschungsergebnisse aus der Tierheilkunde sowie Videopräsentation von tierärztlichen Interventionen.

Von Oswald Kothbauer
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u einer Zeit als nur spärliche Informationen über Tierakupunktur vorgelegen haben, wohl aber über die sog. Head`schen Zonen bei Mensch und Tier die Beziehungen zwischen Körperorganen und sensiblen Zonen auf der Hautoberfläche bereits bekannt waren und deren diagnostischer Wert erkannt wurde, war es offensichtlich geworden, dass innerhalb der Head'schen Zonen so bezeichnete Maximalpunkte mit erhöhter Druckempfindlichkeit in reflektorischer Verbindung zu krankhaft veränderten oder anderweitig belasteten Innenorganen stehen können. Es war naheliegend nachzuprüfen, ob diese Stellen Akupunkturpunkte sein können. Die danach als SHU -Punkte und als MU- oder MO-Punkte bei Tieren identifiziert werden konnten.

Ein wertvoller Beitrag zum Diagnoseprozedere bei unseren Tieren konnte dadurch gewonnen werden. Andere Punkte kamen dazu die auch später bis heute zur Therapie genutzt werden. In Kenntnis dieser Akupunkturpunkte war es zu dieser Zeit aus der Sicht einer tierärztlichen Landpraxis in den 50er Jahren dann möglich geworden, zunächst eine Basis für gängige Therapien mit Akupunktur vornehmlich beim Rind zu erstellen. Aus der damals zur Verfügung stehenden chinesischen Tierakupunkturliteratur waren die Meridiane mit dem alles umfassenden Energieumlauf, wie dieser beim Menschen bereits hinlänglich bekannt war, nicht ersichtlich. Mit der Öffnung Chinas zum Westen um 1972 wurde eine Fülle von Tierakupunkturtafeln produziert, die oft widersprüchlich in ihrer Aussage zu betrachten waren. Diese anfänglichen Schwierigkeiten bei den Tieren haben dazu geführt, dass zunächst mehr nach einer symptomatischen Therapie Programme nach Akupunkturpunkten zusammengestellt wurden, die wohl wirksam waren aber noch verbessert werden sollten.
  • Aus heutiger Sicht stellen sich die Meridian...

    ... beim Menschen (nach BERGSMANN und BERGSMANN) mehr nach den kinetischen Muskelfunktionsketten dar. Diese können auch beim Pferd nachempfunden werden. Das Rind und auch das Schwein waren damals in der Landwirtschaft nach den Kriegsjahren die wichtigsten Tiere zur Nahrungserzeugung, daher wurde auf deren Gesundheit und Leistungssteigerung größter Wert gelegt. Pferde hatten noch wenig Bedeutung als Sporttiere, auch Hund und Katze war die heutige Bedeutung noch nicht in diesem Masse beigemessen worden. Beim Rind war damals die Situation so, aus den originalen Quellen die zur Verfügung standen konnten keine konkreten Angaben über ein grundlegendes energetisches System zum Aufbau von Diagnose und Therapie entnommen werden.

    Es fehlte wohl auch an den Übersetzungen der originalen Texte durch kompetente chinesische Tierärzte und Interpreten. In mühevoller Kleinarbeit an Patienten in eigener Praxis musste Punkt für Punkt verifiziert und viele neue Punkte gefunden werden, die in den vorgegebenen chinesischen Zeichnungen nicht enthalten waren. Des öfteren im Vergleich zur pathologischen Situation des Patienten konnte ein Punkt erst dann verifiziert werden, nachdem er durch Erfolg und Misserfolg geprüft worden ist. Nach den Übersetzungen von MENG, in KOTHBAUER und MENG (1990) und KOTHBAUER (1999), wie auch nach japanischen Quellen, werden daher Akupunkturpunktegruppen für bestimmte Indikationen angegeben.
  • Es ist zu hoffen, dass mit der gegenwärtigen Tierärztegeneration...

    ... die an den Universitäten auch in Akupunktur ausgebildet wird, einmal ein gut fundiertes Modell der funktionellen Energielehre in der TCVM nicht nur theoretisch, sondern erweitert über kinetische Muskelfunktionsgruppen, gestützt auf topographisch-anatomischer Grundlage bei unseren Tieren entwickelt werden kann. Ganz allgemein muss noch erwähnt werden, in der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) wurde zu etwa ¾ Kräutermedizin betrieben und der Rest mit Akupunktur behandelt. Hierzulande wird auch Akupunktur mit Homöopathie kombiniert eingesetzt.

    Nach diesen einleitenden Betrachtungen sollen verschiedene Indikationsbereiche des Rindes zusammengefasst werden und dazu auf die nach praktischen Erfahrungen bewährten Akupunkturpunkte eingegangen werden. Zuerst wird wie bei jeder medizinischen Intervention die Frage nach der Diagnose über Vorbericht, und alle anderen wichtigen Parametern auf breiter Basis gestellt. Vornehmlich über die bereits erwähnten SHU- und MU-Punkte nach selektiv eruierter Druckdolenz gegenüber der umgebenden Haut wird die Diagnose festgelegt und nach dieser Bewertung der therapeutische Plan ausgearbeitet.
Die Fruchtbarkeitsstörungen im besonderen des weiblichen Rindes sind Gegenstand jahrelanger intensiver Untersuchungen. Die Erfolge sind beachtlich, doch sind vielfach Blockierungen im Bereich der vegetativen Steuerungsmechanismen vorhanden, die einen normalen Ablauf der Genitalfunktionen behindern können. Darauf eingehend, läßt die nervale Versorgung des weiblichen Genitalbereiches im Becken und Abdomen des Rindes, zusammen mit der lokalen Blutgefäßversorgung, auf einen Regulationsmechanismus zwischen Organ- neuraler- vasaler- cutivisceraler und viscerocutaner reflektorischer Beziehung unter der Dominanz übergeordneter zentraler Schaltstellen im Cerebrum schließen. Über Akupunktur können dadurch beeinflusst werden: Ovarien, Uterus, Adnexe, Cervix uteri, Vagina, außerdem noch Thyreoidea, Nebennieren, Leber und wahrscheinlich auch Hypothalamus-Hypophysensystem.
  • In der Geburtshilfe findet die Akupunktur über eine...

    ... Punktegruppe bei gestörter Wehentätigkeit ein besonderes Anwendungsgebiet, das konnte von ZEROBIN et. al. (1977) eindeutig nachgewiesen werden.

    Das laktierende Euter erfordert ein stark verzweigtes Blutgefäßsystem, denn das große Fassungsvermögen des Euters bedingt eine Blutstromverlangsamung, die für die Milchbildung Voraussetzung ist. Andererseits können diese großen Venensysteme leicht komprimiert werden, wodurch eine Ödembildung gefördert wird. Im Bereich der 2 Abflusswege aus dem Euter: Vena epigastrica cranialis superficialis mit Vena subcutanea abdominis; Vena mammaria caudalis mit Vena pudenda interna; nach dorsal über Vena pudenda externa liegen wirksame Akupunkturpunkte: MA18, Ma29-02, Ni10, BL17.

    Der Reflux der Lymphe aus dem caudalen Körpergebiet in das Venensystem erfolgt über den Ductus thoracicus, beim Rind auf der Höhe der 1. Rippe. Der Ductus thoracicus wird über vegetative Nervenfasern versorgt, die mit dem Ggl. cervicothoracicum (Ggl. stellatum) beim Rind in Verbindung stehen und auch über den 5. Halsnerv mit der Haut Kontakt haben. Wirksame Akupunkturpunkte in diesem Körperbereich sind: Gb21, Ma11, Kg22.
  • Nachdem die wichtigste Förderung der Lymphbewegung über...

    ... die rhythmischen Kontraktionen der glatten Muskulatur in der Wand der Lymphgefäße verursacht wird, ist auch eine Einwirkung über diese Punkte auf den Ductus thoracicus möglich. Wirksame Punkte für das Euter sind: für die Vorderviertel MP18, MP17, BL17, Ma18. Für die Hinterviertel BL30, BL49. Nach russischen Erfahrungen werden Euterödeme durch Novocain-Injektionen in die Punkte BL22, BL23, BL24 und Kg2 günstig beeinflusst.

    Störungen im Magen-Darmbereich sind einer Akupunktur ebenfalls zugänglich. Der mehrhöhlige Rindermagen wird aber gegenüber dem einhöhligen Magen des Pferdes und des Hundes einen anderen therapeutischen Ansatz erfordern. Die Funktionsstörungen der Pansentätigkeit des Rindes sind oft Anlass zu einer Therapie. An Akupunkturpunkten können genannt werden: BL43-01 und MP16 linksseitig; Ma36; BL43 bis BL45. Ist die Leber ínvolviert, sind Punkte der rechten Seite dazu einsetzbar: Le14, BL43 bis BL46, Gb23, Gb24, Gb25, Le8, eine Injektion des Homöopathikum Flor de Piedra in die Punkte hat sich auch bewährt. Bei Indikationen mit einer Symptomatik im Darmbereich wie Enteritis, Diarrhö, Kolik, z.B. bewähren sich Punkte im Lumbalbereich, BL46-l, BL46-2, BL46-3, die als Nahpunkte ihre Funktion ausüben können.

    Wie beim Menschen lange praktiziert haben wir auch beim Tier die Möglichkeit über das Ohr Akupunktur zu Diagnose und Therapie anzubieten.
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Univ. Prof. Dr. Oswald Kothbauer, 4710 Grieskirchen