• Ötzi Forschung

Ötzi war akupunktiert

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Abbildung 1

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Abbildung 2

In der wissenschaftlichen Welt zählen Veröffentlichungen in renommierten Zeitschriften. Doch davon sind üblicherweise Kollegen und Kolleginnen ausgenommen, die nicht an Universitäten oder etablierten Forschungseinrichtungen tätig sind. Wenn man sich gar mit Grenzgebieten wie der Komplementären Medizin beschäftigt ist üblicherweise der Weg zu Veröffentlichungen von vorne herein versperrt.
Zu unserer großen Freude gelang es bereits vor einem Jahr, in einem der wichtigsten Zeitschriften der Allgemeinen Wissenschaften, in „Science“, einen Bericht über unsere Forschungen zum Thema Akupunktur an Ötzi, dem Mann aus dem Eis, zu platzieren (1). Weitere Veröffentlichungen folgten (2, 3, 4). Der ganz große Durchbruch gelang aber im Frühling 1999, als uns The Lancet eine Veröffentlichung zusicherte.

Nach intensiver Überarbeitung im Frühling und Sommer konnten wir uns am 18. September nicht nur über eine gelungene Veröffentlichung freuen, sondern auch darüber, dass unser Artikel auf der Frontpage von The Lancet im Internet als Hauptartikel des gesamten Hefts angeführt war (5). Somit gelang es, neben einer Veröffentlichung in der renommiertesten Zeitschrift für Allgemeine Wissenschaften, in Science, auch in der höchstangesehenen medizinischen Fachzeitschrift zu reüssieren. The Lancet gilt nämlich neben The New England Journal of Medicine als wichtigstes medizinisches Journal der Welt.

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Abbildung 3

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Abbildung 4

Im Lancet-Artikel werden unsere Überlegungen zum Thema Akupunktur am Mann aus dem Eis etwa in der Weise dargelegt, wie wir sie bereits im Beitrag „Ötzi wurde akupunktiert“ in der Nummer 4/98 dieser Zeitschrift vorgestellt haben. Nach grundsätzlichen Überlegungen zu Tätowierungen und Mumien der Frühzeit wird berichtet, wie von uns sämtliche 15 Tätowierungsstellen erfasst, vermessen und fotografiert wurden. Die Zuordnung zu klassischen Akupunkturpunkten wird erläutert und tabellarisch festgehalten. Die Sinnhaftigkeit des „Punkteprogramms“ aus der Sicht der modernen Akupunktur wird dargelegt und anschließend vermittelt, dass mit den gewählten Punkten offenbar zwei Indikationen behandelt wurden: Erstens die degenerativen Veränderungen der unteren Wirbelsäule und der großen Beingelenke und zweitens die durch Peitschenwürmer ausgelösten gastrointestinalen Beschwerden. Die für uns interessanteste Erkenntnis war, dass am Mann aus dem Eis offenbar nicht nur die einfache locus dolendi Akupunktur angewandt wurde, sondern auch eine Therapie mit Fernpunkten und zusätzlich sogar eine konstitutionelle Akupunktur unter Verwendung von Punkten des Funktionskreises Niere (Ni 7 und Bl 23). Damit erscheint es wahrscheinlich, dass bereits in dieser Frühzeit von 3200 v. Chr. in Mitteleuropa eine Akupunkturmethodik praktiziert wurde, die nicht nur symptomorientiert, sondern auch ursächlich-konstitutionell wirkte. Das würde aber wiederum voraussetzen, dass die Ursprünge der Akupunktur noch viel weiter zurückreichen, denn das Wissen um konstitutionelle Behandlungen erfordert zwangsläufig eine jahrhundertelange Entwicklung und Erfahrung. Oder war der Therapeut des Mannes aus dem Eis einfach medial begabt und hat intuitiv die richtigen Punkte ausgespürt und mit Tätowierungen behandelt. Wer weiß?

Vieles bleibt offen und wie immer, wenn man sich intensiv mit einer Frage beschäftigt, tauchen immer neue Fragen auf. Aber genau das macht die Faszination des Mannes aus dem Eis aus – Er hat uns tiefe Einblicke in seine Zeit gewährt und ein wenig den Schleier der Vorzeit gelüftet. Aber gerade in dem Moment, wo man zu erkennen meint, entzieht er sich wieder im Dunst der lange vergangenen Jahrhunderte und lässt neue Fragen, Vermutungen, Spekulationen und Wissensdurst zurück.